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High-Flow-Hämangiom oder Die
Geschichte vom „gutartigen“ Tumor
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Mein Name ist Tobias
Ganz. Geboren wurde ich am 01.06.1085 in Wadern, einer kleinen Stadt im
nördlichen Saarland. Ganz in der Nähe wohne ich auch , im Haus meiner
Eltern in einem kleinen Ortsteil der Gemeinde Nonnweiler.
Die ersten sechs Jahre meiner Kindheit verliefen eigentlich , bis auf
normale Kinderkrankheiten und kleinere Blessuren , völlig
unproblematisch.
Wie jedes Kind, klagte ich zeitweise über Schmerzen in den Beinen, was
eigentlich eine Folge des Wachstums ist. Um diese Schmerzen zu lindern,
rieben mir meine Eltern abends vor dem Schlafengehen die Beine ein. |
Hierbei stellte meine Mutter im Herbst 1991 dunkle Streifen unter der
Haut, an der Innenseite des linken Beines, vom Kniegelenk abwärts bis
zum Fußgelenk fest. Als diese Streifen auch nach Tagen noch nicht
verschwunden waren und meine Eltern Angst hatten, es wäre eine
Blutvergiftung, suchten sie Rat beim Hausarzt. Dieser fand auch keine
richtige Erklärung und überwies mich in die Kinderklinik „Kohlhof“ bei
Neunkirchen.
Hier wurde ich mehrere Tage untersucht und beobachtet. Man stellte stark
vermehrte Venenzeichnungen und eine deutliche Schwellung der linken
Fußsohle fest. Es wurde aber bald klar, dass man mir hier auch nicht
weiter helfen konnte.
Da die Klink Kohlhof eine Teil der Uni-Klinik Homburg ist, schickte man
mich dort hin. Nach mehreren ambulanten und auch stationären
Untersuchungen stellte man Ende 1991 einen so genannten Blutschwamm mit
enorm hoher Durchblutung
( High-Flow-Hämangiom ) fest. Man erklärte uns, es sei ein gutartiger
Tumor und , dass ein solches Hämangiom wohl keine Seltenheit ist. Jedoch
hatten die behandelnden Ärzte in Homburg noch nie eines an dieser
Stelle, nämlich unter der Fußsohle des linken Fußes gehabt. Man sagte
uns, an jeder anderen Körperstelle wäre die Entfernung eines
Geschwulstes kein Problem, jedoch unter der Fußsohle schon, weil hier
alles möglichen Nerven zusammenlaufen würden, und dieser Geschwulst so
verwurzelt wäre, dass man nicht wisse, was nach der Entfernung noch von
meinen Fußn übrig bleiben würde. Trotzdem wollte man mich weiter
untersuch um dann festzulegen, wie die weitere Behandlung gestaltet
werden sollte. ...
Also wurde ich vom 20.-28.01.1992 erneut stationär in der Uni-Klinik in
Homburg aufgenommen und mehreren Untersuchungen unterzogen:
Am 21.Januar wurde eine Arteriographie meines linken Beines
durchgeführt. Die Diagnose lautete:
Weite Arteria formalis und poplitea mit erhöhter Durchflussrate. Die
damalige Chefärztin jagte meinen Eltern eine enorme Angst ein als sie
sage, dass durch diese hohe Durchblutung das linke Bein im Laufe der
Jahre viel länger werden würde als das rechte und dass man unbedingt
alles möglich tun müsse, um diese Durchblutung in den Griff zu bekommen.
Daher blieb meinen Eltern nicht anderes übrig, als einer Operation
zuzustimmen.
Am 23. Januar wurde ich dann zum ersten Mal operiert. Hierbei
durchtrennte man die drei dorsalen Zuflüsse des Hämangioms im Bereich
des Innenknöchels links, um so die Blutzufuhr zu hemmen.
Da keinerlei Komplikationen auftraten, wurde ich am 28. Januar wieder
nach Hause entlassen. In den folgenden Wochen fuhren wir mehrmals zu
ambulanten Kontrollen durch Farbdopplersono-graphie . Es zeigte sich
zunächst eine leichte Verbesserung der Flow-Werte.
Im Mai stellte man jedoch wieder eine deutliche Zunahme der Durchblutung
fest und ich musste einen Tag nach meinem siebten Geburtstag wieder
stationär nach Homburg. Am gleichen Tag (02.06.92 ) wurde eine erneute
Arteriographie durchgeführt. Die Diagnose lautete:
Erweiterung der linken A. tibialis anterior mit erhöhtem Fluss zum
Restangiom. Ferner fanden sich von der unterbundenen A. tibialis
posterior ausgehende Kollateralen. Das verbleibende High-flow-Angiom
wurde im wesentlichen von der A.dorsalis pedis versorgt.
Am 03.06.92 wurde ich dann zum zweiten Mal operiert. Man legte den
ventralen Zufluss des Angioms frei, emolisierte den arteriellen Zufluss
mit Fibrinkleber und ligierte den venösen Abstrom.
Folge dieser Operation waren massive Durchblutungsstörungen im linken
Vorderfuß und im Bereich meiner linken großen Zehe. Wie meine Eltern mir
später erzählten, hatte ich solch wahnsinnige Schmerzen, dass ich
ständig laut schrie und endlos weinte – mein Vater bezeichnet diese
Wochen heute noch als die schlimmsten, die er je erlebt hat (später
stellte sich dann heraus, dass meine große Zehe abgestorben war).
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Ich musste noch bis 19.Juni im Krankenhaus bleiben , wo mir täglich die
Verbände gewechselt und abgestorbene Hautteile entfernt wurden. Da es
für meine Eltern keinerlei Möglichkeiten gab bei mir im Krankenhaus zu
übernachten, fuhren sie wochenlang täglich den weiten Weg nach Homburg
und wieder zurück. Damals lernte ich die tägliche Langeweile durch „Game-Boy-Spielen“
zu vertreiben.
In den folgenden Monaten Juli , August, September und Oktober fuhren wir
zunächst in wöchentlichen, dann 14-tägigen und später im größer werden
Abständen zur ambulanten Vorstellung und Verbandswechsel. Inzwischen war
meine linke große Zehe mumifiziert, der Fuß war erheblich dünner
geworden und angeblich war keine Pulsation mehr nachweisbar.
Am 25.11.92 musste ich erneut stationär in die Uni-Klinik nach Homburg.
Es kam zur dritten Operation. Meine linke große Zehe, mittlerweile nur
noch schwierig als solche zu erkennen, die Kuppe des zweiten Zehs und
abgestorbene Teile des linken Vorderfußes ( alles war abgestorben und
schwarz geworden ) wurden amputiert. Nachdem all dies ohne
Komplikationen verlaufen war, durfte ich drei Tage später wieder nach
Hause. Wiederum musste ich in wechselnden Abständen zur Kontrolle und
Verbandswechsel.
Die Wunde dieser letzen Operation wollte aber nicht zuheilen und es
hatte sich eine Entzündung im Bereich des frei liegenden Köpfchens des
ersten Mittelfußknochens gebildet.
Also musste ich am 04.03.93 schon wieder stationär nach Homburg, wo ich
am 05.März zum vierten mal operiert wurde. In der vorbereitenden
Untersuchung waren angeblich keine Pulsation oder Geräuschphänomene
wahrnehmbar.
In der OP wurde der entzündete Gelenkknorpel und Weichteile entfernt ,
eine Wunddrainage gelegt und man versuchte die Wunde durch einen lokalen
Rotationslappen zu schließen. Ich bekam mehrere Infusionen. Die
Wunddrainage wurde nach zwei Tagen entfernt. Am 07. März durfte ich
wieder nach Hause, durfte mich aber in den folgenden Wochen und Monaten
nur per Rollstuhl fortbewegen, um den Fuß zu entlasten.
Wiederum musste ich monatelang in wechselnden Abständen zur Kontrolle
und Verbandswechsel nach Homburg.
Die Wunde heilte trotzdem nicht zu und die Langeweile vertrieb ich durch
Fernsehen, Game-Boy spielen und mit meinem Meerschwein Alfred.
Wir alle waren damals sehr verzweifelt und wussten keinen Rat mehr. Als
dann die Chefärztin der Kinderchirurgie sagte, wenn das jetzt nicht
langsam von selbst heilt und das Hämangiom nicht klein zu kriegen ist,
müsste der Fuß oder gar der ganze Unterschenkel amputiert werden, hat es
meinen Eltern wohl gereicht. Wir sind einfach nicht mehr nach Homburg
gefahren, wussten aber auch nicht mehr weiter.
Durch einen glücklichen Zufall lernten wir in diesen schweren Tagen in
unserem örtlichen Kindergarten zwei Chinesen kennen.
Boa und Fee Sun waren öfters bei unseren Kindergartenerzieherinnen, zwei
katholischen Nonnen, zu Gast, führten chinesische Musik- und
Theaterstücke im Kindergarten auf und luden die Eltern zu Qigong-Kursen
ein. Bei solchen Abenden kamen meine Eltern mit den Chinesen ins
Gespräch und erzählten ihnen von mir.
Eines Tages luden die Nonnen uns abends in den Kindergarten ein und die
beiden Chinesen schauten sich meinen Fuß genau an. Sie boten uns spontan
ihre Hilfe an. Von da an trafen wir uns fast wöchentlich entweder im
Kindergarten, oder bei den Nonnen zu Hause. Ich lernte zum ersten Mal in
meinem Leben etwas über die altchinesische Heilkunst kennen. Da ich wohl
durch die vielen Quälereien im Zuge der häufigen Operationen panische
Angst vor irgendwelchen Nadeln hatte, wendeten sie bei mir Akkupressur
an und erklärten meinen Eltern viele Qigong-Übungen, die wir dann zu
Hause fast jedem Abend durchführten. Zusätzlich besorgten sie uns
Kräuter, Salben und Säfte aus ihrer Heimat, die uns zeitweise auf
abenteuerlichen Wegen erreichten. Die Kräuter haben meine Eltern zu
Hause genau nach vorgeschriebenen Vorgängen zu Tees gekocht und ich
musste den Tee trinken. Die Zubereitung hat nicht nur fürchterlich
gestunken, das Zeug hat auch scheußlich geschmeckt. Ebenso musste ich
einen Saft (hergestellt aus Schlangengift) schluckten und die Salben
haben wir auf die offene Wunde geschmiert. Es war kaum zu glauben, aber
das alles half: die Wunde verschloss sich langsam , aber stetig und mir
ging es immer besser.
Im Sommer 1993 brauchte ich den Rollstuhl nicht mehr und wenig später
konnte ich sogar auf die Gehhilfen verzichten.
Kurz vor Weihnachten 1993 bot uns Boa dann an, uns in seine Heimat nach
China mitzunehmen. Er hat uns erzählt, dass sowohl er selbst, als auch
sein Bruder Fee in China anerkannte Ärzte seien. Zunächst lehnten meine
Eltern, zum Teil aus finanziellen Gründen, als wohl auch aus Angst vor
diesem weiten unbekannten Land diesen Vorschlag ab. Aber Boa erklärte
uns damals schon, dass dieses Hämangiom nicht zu unterschätzen sei und
wir unbedingt weiter etwas dagegen tun müssten. Wir alle überlegten hin
und her. Schließlich willigten meine Eltern doch ein und so flogen wir
im April 1994 nach China. Dort lebten wir zunächst vier
Tage in Peking, lernten dort sehr viele Ärzte kennen und jeder schaute
sich meinen Fuß genau an.( seit dieser Zeit hasse ich es, jedem meinen
Fuß zu zeigen!! ). Diese Ärzte sollten uns in den folgenden vier Wochen
betreuen und mich behandeln. Mit dem Bus fuhren wir dann in einer
abenteuerlichen Reise von Peking aus bis an das Gelbe Meer, in einen
Kurort namens Beideche. Hier wurden wir in einem Sanatorium , ähnlich
wie in einem Kurhaus untergebracht und rund um die Uhr betreut. Bis auf
die täglichen Behandlungen war es eigentlich eine sehr schöne Zeit.
Vier Wochen wurde ich von chinesischen Fachärzten nach alt-chinesischer
Heilkunst behandelt , nahm an Qigong und Tai-Chi –Kursen teil und lernte
kleine Teile ( Chinesische Mauer ) dieses riesigen Landes kennen.
Erstmals musste ich auch die Akupunktur über mich ergehen lassen und
weiterhin diese Tees und Säfte trinken. Nach fast fünf Wochen kehrten
wir alle gesund und wohlbehalten wieder heim.
Von diesem Tag an hatte ich fast sechs Jahre Ruhe, konnte wie jeder
andere zur Schule gehen, spielte Fußball und Tischtennis und
wuchs ganz normal heran – mein linkes Bein wurde nicht unnormal lang,
sondern lediglich 1,5 cm länger wie das rechte.
Ganz plötzlich traten im Frühjahr 2000 Schmerzen im linken Fuß auf, die
immer stärker und im Sommer fast unerträglich wurden.
Ich schaffte es trotz dieser Schmerzen, meine Realschule eigentlich noch
recht ordentlich abzuschließen. Trotzdem war es nicht mehr auszuhalten
und so mussten meine Eltern wieder mit mir zu Arzt.
Ich sah mal wieder, wie immer, große Fragezeichen in den Gesichtern. Von
einem nahen Bekannten, der mittlerweile auch Arzt in Homburg ist,
erfuhren wir die Anschrift vom damaligen Oberarzt der Kinderchirurgie
der Uni-Klink Homburg, der sich vor längerer Zeit im Streit von seiner
vorgesetzten Chefärztin getrennt und im Ärztehaus in Neunkirchen
selbständig gemacht hatte.
.
Mein Vater dachte, da dieser Arzt sowohl mich, als auch meine
Krankengeschichte kannte, wäre ich bei ihm in den besten Händen. Also
fuhren wir nach Neunkirchen und ich schilderte diesem Arzt mein erneutes
Leiden. Zunächst wurde ich mal wieder geröntgt. Dann wurde mal wieder
gesagt:“ Alles kein Problem. Es wird ein kurzer chirurgischer Eingriff
unter Vollnarkose“ Was die Schmerzen auslöste und was dann mit Laser in
meinem Fuß vorgenommen wurde, ist mir bis heute nicht klar.
Auf jeden Fall ist seit dieser OP, die im August 2000 durchgeführt
wurde, die dabei entstandene Wunde nicht mehr zugeheilt. Die Op verlief
, wie immer, problemlos und hatte nur gleich danach wahnsinnige
Schmerzen, die aber einige Tage später verschwanden.
Monatelang musste ich zunächst täglich und in immer größer werdenden
Abständen zur ambulanten Wundversorgung nach Neunkirchen. Seit dieser
Zeit weiß ich nicht mehr so ganz, wie es ist auf zwei Füßen zu stehen,
da ich mich nur mit Gehhilfen fortbewegen kann. Trotzdem bin ich froh,
dass ich nicht im Rollstuhl sitzen muss.
Alle Bemühungen die Wunde zu verschließen, spezielle Salben, künstliche
Haut und vieles mehr blieben ohne Erfolg.
Meine Eltern wussten bald keinen Rat mehr und erinnerten sich an die
schwierige Wundheilung nach der Amputation meiner Zehe. Sie machten sich
auf die Suche nach unseren altbekannten Chinesen, von denen wir schon
mehrere Jahre nichts mehr gehört hatten. Im Frühjahr 2001 hatten wir
Erfolg und machten Boa Sun in der Nähe von Bernkastel-Kues ausfindig. Er
hatte sich dort niedergelassen und in einem alten Haus direkt an der
Mosel eine Heilpraktiker-Praxis eröffnet.
Für ihn war es keine Frage und ich konnte sofort zu ihm. Er begann
direkt mit den altbekannten chinesischen Heilmethoden.
In wechselnden Abständen von mal zwei, oder drei und vier Wochen,
brachte meine Vater mich dorthin. Er bemühte sich sehr, nahm wieder
Verbindung zu den Ärzten in China auf, besorgte alles an Medikamenten,
was man sich nur vorstellen kann und hatte letztendlich auch keinen
sehenswerten Erfolg. Weit über ein Jahr gab er alles und bot uns , weil
er auch nicht mehr weiter wusste, wiederum eine Reise nach China an.
Doch das konnten sich meine Eltern beim besten Willen nicht leisten.
Also versuchten wir diesmal in der Berufsgenossenschafts-Unfall-
Klink in Ludwigshafen unser Glück. Wir hatten in einem TV-Bericht
erfahren, dass dort eine „Wundsprechstunde“ angeboten wurde. Mein Vater
wartete nicht lange und holte sich für Anfang Oktober 2001 eine Termin
in dieser BG-Klinik. Trotz Termin ließ man uns dort drei Stunden warten.
Dann wurde ich mal wieder geröntgt und danach ca. 10 Minuten untersucht.
Mehrere Ärzte gockelten um mich herum und bestaunten mich wie eine
Erscheinung vom Mars. Ich hörte Aussagen wie : „ach, du lieber Gott, da
ist ja alles entzündet; oder „grob fahrlässig von den Eltern, ein Kind
soweit kommen zu lassen“. Dann sagte man uns, der Fuß müsste sofort
operiert werden, man könne sonst für nicht garantieren. Mein Vater
fragte dann, wie man operieren wolle und was mit dem Fuß geschehe.
Die Antwort war niederschmetternd: „ Das Hämangiom muss sofort
herausgeschält und im Zweifelsfall der Fuß amputiert werden“.
Mein Vater nahm mich am Arm und zerrte mich aus dieser Klinik heraus,
obwohl ich mir zu diesem Zeitpunkt am liebsten den Fuß hätte amputieren
lassen. Ich war dermaßen fertig und konnte ihn einfach nicht mehr sehen.
Mir war allerdings nicht bewusst, was dann auf mich zukommen würde.
Wieder kam uns der Zufall, oder das Glück, oder ein Wink des Himmels zu
Hilfe:
Meine Oma kam von einem Arztbesuch und brachte eine Broschüre
( Gesundheit 2/2002 ) aus dem Wartezimmer mit. In diesem Heft stand ein
Bericht über ECT , die Alternative zum Skalpell. Herr Weber beantwortete
in einem Interview Fragen über seine Art der Tumor-Bekämpfung und nannte
es: „mit Strom den Krebs besiegen“.
Mein Vater griff sofort zum Telefon, um sich mit Herrn Weber in
Verbindung zu setzen. Hier erfuhr er seiner rechten Hand, Frau Martina
Kondritz, dass es keine Möglichkeit gebe, diese Art der Behandlung in
der Nähe unseres Wohnortes durchzuführen. Also sollten wir nach Köln
kommen.
Zunächst wollten meine Eltern nicht, da Köln doch ziemlich weit von uns
entfernt und relativ schlecht zu fahren ist. Damit war die Sache fürs
erste erledigt und meine Eltern total enttäuscht.
Wenige Tage später rief Herr Weber bei uns an und forderte uns auf, doch
einfach einmal nach Köln zu kommen, uns dort seine Behandlungsmethode
anzuschauen und dann gemeinsam zu besprechen, was man wann und wie tun
kann.
Da meine Eltern immer schon nichts unversucht ließen, machten sie mit
Herrn Weber einen Termin und so fuhren wir Ende August 2002 zum ersten
Mal nach Köln. Dort wollte Herr Weber zunächst einmal ausprobieren, ob
seine Behandlungsmethode bei einem Hämangiom überhaupt anzuwenden sei.
Der Versuch glücke und gleich beim ersten Mal startete sein Gerät einen
Angriff auf das Hämangiom. Natürlich hatte ich große Schmerzen und wäre
am liebsten weg gelaufen, aber ich musste da durch.
In den nächsten Monaten versuchten Herr Weber und Frau Kondritz, mir
möglichst wenig Schmerzen zu bereiten und behandelten mich nur mit
Fachelektroden. Es stellte sich jedoch heraus, dass wir so nicht voran
kamen. Als wurden mir dann bei jeder weiteren Behandlung zwei lange
Nadel in die offene Wunde gestochen . Ich war jedes Mal total panisch
und reagierte fast wie in Todesangst, weil ich solche Angst vor diesen
Nadeln hatte hatte. Jedes Mal glaubt ich, ich würde vor Schmerzen
sterben, oder gar verbluten. Gott-sei-Dank gab es Martina, die mir
immer, fast wie eine Mutter, zur Seite stand, und mir sogar die Hand
hielt. Also er erduldete ich auch diese Tortur und der Erfolg stellte
sich auch bald ein.
Über diese Nadel strömte der Strom optimal und es gab große Veränderung
in der Wunde. Trotzdem erschrak ich immer wieder, denn sie wurde nicht
kleiner, sondern immer größer und nahm schon fast die hälfte der
Fußsohle ein.
Herr Weber erklärte mir aber, das müsste so sein, denn das abgestorbene
Tumorgewebe könne bei mir nicht durch das Lymphsystem abgetragen werden,
sondern über sehr viel Wundsekret ausgespült werden. Optisch wurde die
Wunde immer schlimmer, es entstanden riesige Löcher, die so tief waren,
dass ich meinen ganzen Daumen hineinlegen konnte, abgestorbene Gewebe-
und Knorpelteile ragten schwarz aus der Wunde und sie war voller gelbem
und stinkendem Wundsekret, das ohne Unterlass aus der Wunde strömte. Ich
schämte mich unter Leute zu gehen. Nicht genug, dass ich mich nur mit
Krücken fortbewegen konnte, nein, mein Fuß stank abartig.
Martina Kondritz empfahl mir, ab und zu meinen Fuß in lauwarmem Wasser
zu baden und besorgte mir entsprechende Pflegemittel, die ich dem Wasser
beigab. Der Gestank wurde dadurch wesentlich besser und der Fuß
ansehnlicher. Doch dann passierte im Sommer etwas fürchterliches: beim
Baden verfärbte sich auf einmal das Wasser blutrot. Ich erschrak
dermaßen, hob den Fuß aus dem Wasser und sah das Blut wie aus einem
Wasserhahn laufen. Völlig durchgedreht schrie ich nach meinen Eltern.
Die waren ebenso erschrocken, reagierten aber gleich und legten mir
einen Druckverband an.
Von diesem Tag an hatte ich jedes Mal fürchterliche Angst vor jedem
Verbandwechsel ( normalerweise wechselte ich zwei Mal täglich ). Mein
Vater rief gleich bei Herrn Weber an. Doch der konnte natürlich auch
nicht telefonisch helfen, sondern beruhigt uns und erklärte, dass es
schon mal vorkommen könne, dass ein Blutgefäß auslaufe. Das war wohl
auch so gewesen, denn die Blutung hörte am gleichen Tag noch auf.
Aber ein paar Wochen später ( August 203 ) geschah das gleiche noch
einmal bei einem Verbandswechsel. Diesmal lief das Blut nicht, sondern
spritzte meterweit aus der Wunde. Mein ganzes Zimmer, Teppiche und Möbel
waren mit Blut verspritzt. Und es kam noch schlimmer: die Blutung konnte
trotz Druckverband nicht gestoppt werden. Es blieb und nicht anderes
übrig, als in das nächste Krankenhaus zu fahren. Dort musste mein Vater
zuerst mehrmals meine Geschichte (die vom Hämangiom ) erzählen und
warten, bis sich jemand fand, der sich um mich kümmerte. Es war eine
junge Ärztin, die dann meinte, wieso wir zu ihr gekommen und nicht nach
Köln gefahren wären, wir wären ja schließlich dort in Behandlung.
Mein Vater musste sich sehr beherrschen und erinnerte die Ärztin an ihre
Pflicht und an ihren Eid, bevor sie sich dann auf einmal wirklich gut
und kompetent um mich kümmerte.
Ich wurde an Ort und Stelle unter Narkose operiert , das geplatzte
Blutgefäß (bis heute ist mir nicht klar, ob es eine Vene, oder Arterie
war) wurde vernäht und ich konnte am gleichen Tag wieder heim.
Mir ging es gleich wieder besser und ich hatte nun eigentlich auch keine
Angst mehr vorm Verbandwechsel.
Bis jetzt hatte ich über zwei Jahre damit verbracht, die Tage am
Computer oder vor dem Fernseher tot zu schlagen. Meine Eltern versuchten
alles, um mir meine Langeweile zu nehmen. Mein Vater reaktivierte sein
Angelzeug und ging mit mir zum Angeln und meine Mutter versuchte
vergeblich mich vom Computer weg zu bekommen. Sie forderte mich immer
wieder auf, doch mal ein Buch zu lesen, mich mal hinters Haus zu setzen,
Klavier zu spielen, mein Zimmer zu putzen, oder die Spülmaschine
auszuräumen.
Meine Kumpels kümmerten sich rührend um mich, kamen mich abholen, fuhren
mit mir durch die Gegend, gingen mit mir in Kneipen und Discos und
zeigten mir die anderen Seiten des Lebens.
Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte, eröffnete mir mein Vater,
dass er mich auf einer Schule in Trier angemeldet hatte.
Ach, totaler Schock: „ich auf Krücken in die Schule gehen, ne, null
Bock“ , schoss es mir gleich durch den Kopf. Aber mein Vater ist es aber
gewohnt, seinen Willen durchzusetzen und schleppte mich eines Abend in
diese Schule zu einer Schnupperstunde. Als diese Hemmschwelle
eingerissen war, war doch ein leichtes Interesse bei mir geweckt. Also
gehe ich nun seit 01. September in diese Höhere Berufsfachschule und
absolviere dort eine schulische Berufsaus -bildung zum staatlich
geprüften Medienassistenten und sehe langsam wieder ein wenig Licht an
meinem düsteren Horizont.
Ich gehe wirklich gerne in diese Schule und ich denke, dass diese
Ausbildung genau das ist, was ich in Zukunft beruflich tun will.
Trotzdem ereilte mich auch hier wieder ein Schicksalsschlag:
Natürlich wusste keiner meiner Klassenkameraden, wie es wirklich um mich
steht. Sie sahen mich nur auf Krücken herumhumpelnd.
Aber eines Tages ( Oktober 2003 ) tropfte mir mitten im Unterricht
das Blut aus dem Verband. „Ach-du-mein-lieber-Gott“, dachte ich,
wurde gleich wieder panisch und verließ fluchtartig das Klassenzimmer.
Draußen im Flur öffnete ich den Verband und sah gleich das Blut aus der
Wunde spritzen. Gleich stand die halbe Klasse um mich herum und ich sah
das Entsetzen in ihren Augen. Mehreren Mädchen wurde es schlecht, aber
einer der Jungs, der irgendwann einmal einen Erste- Hilfe-Kurs gemacht
hatte, wusste gleich, was zu tun war. Ich selbst war total fertig und
konnte keinen Finger rühren, als er beherzt eine altes
Bundeswehr-Verbandpäckchen nahm und mir einen Druckverband anlegte.
Danach rief er meinen Vater an und alarmierte einen Rettungswagen, der
wenig später eintraf. Mein Vater kam auch gleich und ich wurde in Trier
ins Mutterhaus gebracht. ...
Wieder erlebte ich das gleich Procedere, wie immer: tausendmal meine
Geschichte erzählen, bis sich endlich mal jemand kümmerte.
Die Ärzte stellten gleich fest, dass sie nicht tun konnten, legten mir
einen neuen Verband an und schickten mich nach Hause.
Gott-sei-dank verschloss sich die Wunde, und als wir wenige Tage später
nach Köln kamen, stellte Herr Weber fest, dass lediglich eine alte Vene
leergelaufen war.
Seit dieser Aktion ist nichts wesentliches mehr vorgefallen.
Wir alle könne beobachten, dass die Wunde sehr langsam, aber stetig
kleiner wird. Sicherlich ist dies das Resultat der vielen Behandlungen.
Ich hatte anfangs geglaubt, dass ich wohl zwei, drei dieser
Strombehandlungen über mich ergehen lassen müsse und dass ich dann
wieder ganz gesund sei. Herr Weber hat uns auch von einem jungen Mann
erzählt, der ein solches Hämangiom am Hals gehabt hätte, das nach
einigen Behandlungen völlig verschwunden sei, aber das hat bei mir
leider nicht so funktioniert.
Mittlerweile habe ich bestimmt schon fast dreißig Behandlungen gehabt
und es ist deutlich zu sehen, wie mein Fuß schmaler , die dunkle
Verfärbung rosiger und die Wunde immer flacher und schmaler wird. Dies
ist sicherlich das Resultat dieser speziellen Behandlung und ich bin
mittlerweile fast sicher, dass ich wieder geheilt werden kann. Man muss
mir verzeihen, aber ich habe mittlerweile schon so viel erlebt und
durchgemacht, dass ein wenig Skepsis immer vorhanden sein wird und ich
eine entsetzliche Angst vor diesen, immer wiederkehrenden, Rückschlägen
habe.
Ich bitte, mir das nachzusehen. Eigentlich will ich nur endlich wieder
gesund werden.
Diese Behandlung, das Kölner Team, meine Kumpels, die Schule und nicht
zuletzt meine ganze Familie haben einen neuen Lebenswillen in mir
geweckt ist und meinem ganzen Dasein einen neuen Sinn gegeben.
Nun will ich auch, wie schon viele meiner besten Kumpels, den
Autoführerschein machen.
Herr Weber half uns auch hierbei weiter und schickte uns zu einem
Orthopädischen Schuhmachermeister, den er selbst als Zauberer
bezeichnet.
Der Herr Comanns baute mir einen Schuh, in den ich erstens gut hinein
komme, der sehr bequem ist, mit dem ich schon leicht auftreten und vor
allem die Kupplung treten kann.
Wenn ich dann endlich einmal Auto fahren darf, werde ich noch ein stück
selbständiger. Meine Eltern müssen mich nicht ständig von A nach B
fahren und mittel in der Nacht irgendwohin abholen kommen. Vielleicht
darf ich auch irgendwann einmal Motorrad fahren.
Ich bin mir trotzdem sicher, dass das alles nicht so schnell vorbei sein
wird. Obwohl Herr Weber in letzter zeit immer wieder sagt, wir wären im
„Endstadium“, wäre das einfach zu schön, um wahr zu sein. Sollte ich
wirklich noch in diesem Jahr gesund werden, weiß ich noch nicht so
genau, wie ich allen meinen Dank zeigen kann.
Aber warten wir es erst einmal ab. Sollte es länger dauern, werde ich
auch das aushalten. Einfach nur irgendwann einmal wieder richtig auf
zwei Füßen stehen und tun und lassen, was ich will.
Ist dieser Wunsch zu groß??
Kastel, im Januar 2004-01-25
Tobias Ganz
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