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High-Flow-Hämangiom oder Die Geschichte vom „gutartigen“ Tumor

Mein Name ist Tobias Ganz. Geboren wurde ich am 01.06.1085 in Wadern, einer kleinen Stadt im nördlichen Saarland. Ganz in der Nähe wohne ich auch , im Haus meiner Eltern in einem kleinen Ortsteil der Gemeinde Nonnweiler.

Die ersten sechs Jahre meiner Kindheit verliefen eigentlich , bis auf normale Kinderkrankheiten und kleinere Blessuren , völlig unproblematisch.
Wie jedes Kind, klagte ich zeitweise über Schmerzen in den Beinen, was eigentlich eine Folge des Wachstums ist. Um diese Schmerzen zu lindern, rieben mir meine Eltern abends vor dem Schlafengehen die Beine ein.

Hierbei stellte meine Mutter im Herbst 1991 dunkle Streifen unter der Haut, an der Innenseite des linken Beines, vom Kniegelenk abwärts bis zum Fußgelenk fest. Als diese Streifen auch nach Tagen noch nicht verschwunden waren und meine Eltern Angst hatten, es wäre eine Blutvergiftung, suchten sie Rat beim Hausarzt. Dieser fand auch keine richtige Erklärung und überwies mich in die Kinderklinik „Kohlhof“ bei Neunkirchen.

Hier wurde ich mehrere Tage untersucht und beobachtet. Man stellte stark vermehrte Venenzeichnungen und eine deutliche Schwellung der linken Fußsohle fest. Es wurde aber bald klar, dass man mir hier auch nicht weiter helfen konnte.
Da die Klink Kohlhof eine Teil der Uni-Klinik Homburg ist, schickte man mich dort hin. Nach mehreren ambulanten und auch stationären Untersuchungen stellte man Ende 1991 einen so genannten Blutschwamm mit enorm hoher Durchblutung
( High-Flow-Hämangiom ) fest. Man erklärte uns, es sei ein gutartiger Tumor und , dass ein solches Hämangiom wohl keine Seltenheit ist. Jedoch hatten die behandelnden Ärzte in Homburg noch nie eines an dieser Stelle, nämlich unter der Fußsohle des linken Fußes gehabt. Man sagte uns, an jeder anderen Körperstelle wäre die Entfernung eines Geschwulstes kein Problem, jedoch unter der Fußsohle schon, weil hier alles möglichen Nerven zusammenlaufen würden, und dieser Geschwulst so verwurzelt wäre, dass man nicht wisse, was nach der Entfernung noch von meinen Fußn übrig bleiben würde. Trotzdem wollte man mich weiter untersuch um dann festzulegen, wie die weitere Behandlung gestaltet werden sollte. ...

Also wurde ich vom 20.-28.01.1992 erneut stationär in der Uni-Klinik in Homburg aufgenommen und mehreren Untersuchungen unterzogen:
Am 21.Januar wurde eine Arteriographie meines linken Beines durchgeführt. Die Diagnose lautete:
Weite Arteria formalis und poplitea mit erhöhter Durchflussrate. Die damalige Chefärztin jagte meinen Eltern eine enorme Angst ein als sie sage, dass durch diese hohe Durchblutung das linke Bein im Laufe der Jahre viel länger werden würde als das rechte und dass man unbedingt alles möglich tun müsse, um diese Durchblutung in den Griff zu bekommen. Daher blieb meinen Eltern nicht anderes übrig, als einer Operation zuzustimmen.

Am 23. Januar wurde ich dann zum ersten Mal operiert. Hierbei durchtrennte man die drei dorsalen Zuflüsse des Hämangioms im Bereich des Innenknöchels links, um so die Blutzufuhr zu hemmen.
Da keinerlei Komplikationen auftraten, wurde ich am 28. Januar wieder nach Hause entlassen. In den folgenden Wochen fuhren wir mehrmals zu ambulanten Kontrollen durch Farbdopplersono-graphie . Es zeigte sich zunächst eine leichte Verbesserung der Flow-Werte.
Im Mai stellte man jedoch wieder eine deutliche Zunahme der Durchblutung fest und ich musste einen Tag nach meinem siebten Geburtstag wieder stationär nach Homburg. Am gleichen Tag (02.06.92 ) wurde eine erneute Arteriographie durchgeführt. Die Diagnose lautete:
Erweiterung der linken A. tibialis anterior mit erhöhtem Fluss zum Restangiom. Ferner fanden sich von der unterbundenen A. tibialis posterior ausgehende Kollateralen. Das verbleibende High-flow-Angiom wurde im wesentlichen von der A.dorsalis pedis versorgt.

Am 03.06.92 wurde ich dann zum zweiten Mal operiert. Man legte den ventralen Zufluss des Angioms frei, emolisierte den arteriellen Zufluss mit Fibrinkleber und ligierte den venösen Abstrom.
Folge dieser Operation waren massive Durchblutungsstörungen im linken Vorderfuß und im Bereich meiner linken großen Zehe. Wie meine Eltern mir später erzählten, hatte ich solch wahnsinnige Schmerzen, dass ich ständig laut schrie und endlos weinte – mein Vater bezeichnet diese Wochen heute noch als die schlimmsten, die er je erlebt hat (später stellte sich dann heraus, dass meine große Zehe abgestorben war).
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Ich musste noch bis 19.Juni im Krankenhaus bleiben , wo mir täglich die Verbände gewechselt und abgestorbene Hautteile entfernt wurden. Da es für meine Eltern keinerlei Möglichkeiten gab bei mir im Krankenhaus zu übernachten, fuhren sie wochenlang täglich den weiten Weg nach Homburg und wieder zurück. Damals lernte ich die tägliche Langeweile durch „Game-Boy-Spielen“ zu vertreiben.
In den folgenden Monaten Juli , August, September und Oktober fuhren wir zunächst in wöchentlichen, dann 14-tägigen und später im größer werden Abständen zur ambulanten Vorstellung und Verbandswechsel. Inzwischen war meine linke große Zehe mumifiziert, der Fuß war erheblich dünner geworden und angeblich war keine Pulsation mehr nachweisbar.

Am 25.11.92 musste ich erneut stationär in die Uni-Klinik nach Homburg. Es kam zur dritten Operation. Meine linke große Zehe, mittlerweile nur noch schwierig als solche zu erkennen, die Kuppe des zweiten Zehs und abgestorbene Teile des linken Vorderfußes ( alles war abgestorben und schwarz geworden ) wurden amputiert. Nachdem all dies ohne Komplikationen verlaufen war, durfte ich drei Tage später wieder nach Hause. Wiederum musste ich in wechselnden Abständen zur Kontrolle und Verbandswechsel.
Die Wunde dieser letzen Operation wollte aber nicht zuheilen und es hatte sich eine Entzündung im Bereich des frei liegenden Köpfchens des ersten Mittelfußknochens gebildet.

Also musste ich am 04.03.93 schon wieder stationär nach Homburg, wo ich am 05.März zum vierten mal operiert wurde. In der vorbereitenden Untersuchung waren angeblich keine Pulsation oder Geräuschphänomene wahrnehmbar.
In der OP wurde der entzündete Gelenkknorpel und Weichteile entfernt , eine Wunddrainage gelegt und man versuchte die Wunde durch einen lokalen Rotationslappen zu schließen. Ich bekam mehrere Infusionen. Die Wunddrainage wurde nach zwei Tagen entfernt. Am 07. März durfte ich wieder nach Hause, durfte mich aber in den folgenden Wochen und Monaten nur per Rollstuhl fortbewegen, um den Fuß zu entlasten.
Wiederum musste ich monatelang in wechselnden Abständen zur Kontrolle und Verbandswechsel nach Homburg.
Die Wunde heilte trotzdem nicht zu und die Langeweile vertrieb ich durch Fernsehen, Game-Boy spielen und mit meinem Meerschwein Alfred.

Wir alle waren damals sehr verzweifelt und wussten keinen Rat mehr. Als dann die Chefärztin der Kinderchirurgie sagte, wenn das jetzt nicht langsam von selbst heilt und das Hämangiom nicht klein zu kriegen ist, müsste der Fuß oder gar der ganze Unterschenkel amputiert werden, hat es meinen Eltern wohl gereicht. Wir sind einfach nicht mehr nach Homburg gefahren, wussten aber auch nicht mehr weiter.
Durch einen glücklichen Zufall lernten wir in diesen schweren Tagen in unserem örtlichen Kindergarten zwei Chinesen kennen.
Boa und Fee Sun waren öfters bei unseren Kindergartenerzieherinnen, zwei katholischen Nonnen, zu Gast, führten chinesische Musik- und Theaterstücke im Kindergarten auf und luden die Eltern zu Qigong-Kursen ein. Bei solchen Abenden kamen meine Eltern mit den Chinesen ins Gespräch und erzählten ihnen von mir.
Eines Tages luden die Nonnen uns abends in den Kindergarten ein und die beiden Chinesen schauten sich meinen Fuß genau an. Sie boten uns spontan ihre Hilfe an. Von da an trafen wir uns fast wöchentlich entweder im Kindergarten, oder bei den Nonnen zu Hause. Ich lernte zum ersten Mal in meinem Leben etwas über die altchinesische Heilkunst kennen. Da ich wohl durch die vielen Quälereien im Zuge der häufigen Operationen panische Angst vor irgendwelchen Nadeln hatte, wendeten sie bei mir Akkupressur an und erklärten meinen Eltern viele Qigong-Übungen, die wir dann zu Hause fast jedem Abend durchführten. Zusätzlich besorgten sie uns Kräuter, Salben und Säfte aus ihrer Heimat, die uns zeitweise auf abenteuerlichen Wegen erreichten. Die Kräuter haben meine Eltern zu Hause genau nach vorgeschriebenen Vorgängen zu Tees gekocht und ich musste den Tee trinken. Die Zubereitung hat nicht nur fürchterlich gestunken, das Zeug hat auch scheußlich geschmeckt. Ebenso musste ich einen Saft (hergestellt aus Schlangengift) schluckten und die Salben haben wir auf die offene Wunde geschmiert. Es war kaum zu glauben, aber das alles half: die Wunde verschloss sich langsam , aber stetig und mir ging es immer besser.
Im Sommer 1993 brauchte ich den Rollstuhl nicht mehr und wenig später konnte ich sogar auf die Gehhilfen verzichten.

Kurz vor Weihnachten 1993 bot uns Boa dann an, uns in seine Heimat nach China mitzunehmen. Er hat uns erzählt, dass sowohl er selbst, als auch sein Bruder Fee in China anerkannte Ärzte seien. Zunächst lehnten meine Eltern, zum Teil aus finanziellen Gründen, als wohl auch aus Angst vor diesem weiten unbekannten Land diesen Vorschlag ab. Aber Boa erklärte uns damals schon, dass dieses Hämangiom nicht zu unterschätzen sei und wir unbedingt weiter etwas dagegen tun müssten. Wir alle überlegten hin und her. Schließlich willigten meine Eltern doch ein und so flogen wir im April 1994 nach China. Dort lebten wir zunächst vier
Tage in Peking, lernten dort sehr viele Ärzte kennen und jeder schaute sich meinen Fuß genau an.( seit dieser Zeit hasse ich es, jedem meinen Fuß zu zeigen!! ). Diese Ärzte sollten uns in den folgenden vier Wochen betreuen und mich behandeln. Mit dem Bus fuhren wir dann in einer abenteuerlichen Reise von Peking aus bis an das Gelbe Meer, in einen Kurort namens Beideche. Hier wurden wir in einem Sanatorium , ähnlich wie in einem Kurhaus untergebracht und rund um die Uhr betreut. Bis auf die täglichen Behandlungen war es eigentlich eine sehr schöne Zeit.
Vier Wochen wurde ich von chinesischen Fachärzten nach alt-chinesischer Heilkunst behandelt , nahm an Qigong und Tai-Chi –Kursen teil und lernte kleine Teile ( Chinesische Mauer ) dieses riesigen Landes kennen. Erstmals musste ich auch die Akupunktur über mich ergehen lassen und weiterhin diese Tees und Säfte trinken. Nach fast fünf Wochen kehrten wir alle gesund und wohlbehalten wieder heim.
Von diesem Tag an hatte ich fast sechs Jahre Ruhe, konnte wie jeder andere zur Schule gehen, spielte Fußball und Tischtennis und
wuchs ganz normal heran – mein linkes Bein wurde nicht unnormal lang, sondern lediglich 1,5 cm länger wie das rechte.

Ganz plötzlich traten im Frühjahr 2000 Schmerzen im linken Fuß auf, die immer stärker und im Sommer fast unerträglich wurden.
Ich schaffte es trotz dieser Schmerzen, meine Realschule eigentlich noch recht ordentlich abzuschließen. Trotzdem war es nicht mehr auszuhalten und so mussten meine Eltern wieder mit mir zu Arzt.
Ich sah mal wieder, wie immer, große Fragezeichen in den Gesichtern. Von einem nahen Bekannten, der mittlerweile auch Arzt in Homburg ist, erfuhren wir die Anschrift vom damaligen Oberarzt der Kinderchirurgie der Uni-Klink Homburg, der sich vor längerer Zeit im Streit von seiner vorgesetzten Chefärztin getrennt und im Ärztehaus in Neunkirchen selbständig gemacht hatte.
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Mein Vater dachte, da dieser Arzt sowohl mich, als auch meine Krankengeschichte kannte, wäre ich bei ihm in den besten Händen. Also fuhren wir nach Neunkirchen und ich schilderte diesem Arzt mein erneutes Leiden. Zunächst wurde ich mal wieder geröntgt. Dann wurde mal wieder gesagt:“ Alles kein Problem. Es wird ein kurzer chirurgischer Eingriff unter Vollnarkose“ Was die Schmerzen auslöste und was dann mit Laser in meinem Fuß vorgenommen wurde, ist mir bis heute nicht klar.
Auf jeden Fall ist seit dieser OP, die im August 2000 durchgeführt wurde, die dabei entstandene Wunde nicht mehr zugeheilt. Die Op verlief , wie immer, problemlos und hatte nur gleich danach wahnsinnige Schmerzen, die aber einige Tage später verschwanden.

Monatelang musste ich zunächst täglich und in immer größer werdenden Abständen zur ambulanten Wundversorgung nach Neunkirchen. Seit dieser Zeit weiß ich nicht mehr so ganz, wie es ist auf zwei Füßen zu stehen, da ich mich nur mit Gehhilfen fortbewegen kann. Trotzdem bin ich froh, dass ich nicht im Rollstuhl sitzen muss.
Alle Bemühungen die Wunde zu verschließen, spezielle Salben, künstliche Haut und vieles mehr blieben ohne Erfolg.

Meine Eltern wussten bald keinen Rat mehr und erinnerten sich an die schwierige Wundheilung nach der Amputation meiner Zehe. Sie machten sich auf die Suche nach unseren altbekannten Chinesen, von denen wir schon mehrere Jahre nichts mehr gehört hatten. Im Frühjahr 2001 hatten wir Erfolg und machten Boa Sun in der Nähe von Bernkastel-Kues ausfindig. Er hatte sich dort niedergelassen und in einem alten Haus direkt an der Mosel eine Heilpraktiker-Praxis eröffnet.
Für ihn war es keine Frage und ich konnte sofort zu ihm. Er begann direkt mit den altbekannten chinesischen Heilmethoden.
In wechselnden Abständen von mal zwei, oder drei und vier Wochen, brachte meine Vater mich dorthin. Er bemühte sich sehr, nahm wieder Verbindung zu den Ärzten in China auf, besorgte alles an Medikamenten, was man sich nur vorstellen kann und hatte letztendlich auch keinen sehenswerten Erfolg. Weit über ein Jahr gab er alles und bot uns , weil er auch nicht mehr weiter wusste, wiederum eine Reise nach China an. Doch das konnten sich meine Eltern beim besten Willen nicht leisten.

Also versuchten wir diesmal in der Berufsgenossenschafts-Unfall-
Klink in Ludwigshafen unser Glück. Wir hatten in einem TV-Bericht erfahren, dass dort eine „Wundsprechstunde“ angeboten wurde. Mein Vater wartete nicht lange und holte sich für Anfang Oktober 2001 eine Termin in dieser BG-Klinik. Trotz Termin ließ man uns dort drei Stunden warten. Dann wurde ich mal wieder geröntgt und danach ca. 10 Minuten untersucht. Mehrere Ärzte gockelten um mich herum und bestaunten mich wie eine Erscheinung vom Mars. Ich hörte Aussagen wie : „ach, du lieber Gott, da ist ja alles entzündet; oder „grob fahrlässig von den Eltern, ein Kind soweit kommen zu lassen“. Dann sagte man uns, der Fuß müsste sofort operiert werden, man könne sonst für nicht garantieren. Mein Vater fragte dann, wie man operieren wolle und was mit dem Fuß geschehe.
Die Antwort war niederschmetternd: „ Das Hämangiom muss sofort herausgeschält und im Zweifelsfall der Fuß amputiert werden“.

Mein Vater nahm mich am Arm und zerrte mich aus dieser Klinik heraus, obwohl ich mir zu diesem Zeitpunkt am liebsten den Fuß hätte amputieren lassen. Ich war dermaßen fertig und konnte ihn einfach nicht mehr sehen. Mir war allerdings nicht bewusst, was dann auf mich zukommen würde.

Wieder kam uns der Zufall, oder das Glück, oder ein Wink des Himmels zu Hilfe:
Meine Oma kam von einem Arztbesuch und brachte eine Broschüre
( Gesundheit 2/2002 ) aus dem Wartezimmer mit. In diesem Heft stand ein Bericht über ECT , die Alternative zum Skalpell. Herr Weber beantwortete in einem Interview Fragen über seine Art der Tumor-Bekämpfung und nannte es: „mit Strom den Krebs besiegen“.
Mein Vater griff sofort zum Telefon, um sich mit Herrn Weber in Verbindung zu setzen. Hier erfuhr er seiner rechten Hand, Frau Martina Kondritz, dass es keine Möglichkeit gebe, diese Art der Behandlung in der Nähe unseres Wohnortes durchzuführen. Also sollten wir nach Köln kommen.
Zunächst wollten meine Eltern nicht, da Köln doch ziemlich weit von uns entfernt und relativ schlecht zu fahren ist. Damit war die Sache fürs erste erledigt und meine Eltern total enttäuscht.

Wenige Tage später rief Herr Weber bei uns an und forderte uns auf, doch einfach einmal nach Köln zu kommen, uns dort seine Behandlungsmethode anzuschauen und dann gemeinsam zu besprechen, was man wann und wie tun kann.

Da meine Eltern immer schon nichts unversucht ließen, machten sie mit Herrn Weber einen Termin und so fuhren wir Ende August 2002 zum ersten Mal nach Köln. Dort wollte Herr Weber zunächst einmal ausprobieren, ob seine Behandlungsmethode bei einem Hämangiom überhaupt anzuwenden sei. Der Versuch glücke und gleich beim ersten Mal startete sein Gerät einen Angriff auf das Hämangiom. Natürlich hatte ich große Schmerzen und wäre am liebsten weg gelaufen, aber ich musste da durch.
In den nächsten Monaten versuchten Herr Weber und Frau Kondritz, mir möglichst wenig Schmerzen zu bereiten und behandelten mich nur mit Fachelektroden. Es stellte sich jedoch heraus, dass wir so nicht voran kamen. Als wurden mir dann bei jeder weiteren Behandlung zwei lange Nadel in die offene Wunde gestochen . Ich war jedes Mal total panisch und reagierte fast wie in Todesangst, weil ich solche Angst vor diesen Nadeln hatte hatte. Jedes Mal glaubt ich, ich würde vor Schmerzen sterben, oder gar verbluten. Gott-sei-Dank gab es Martina, die mir immer, fast wie eine Mutter, zur Seite stand, und mir sogar die Hand hielt. Also er erduldete ich auch diese Tortur und der Erfolg stellte sich auch bald ein.
Über diese Nadel strömte der Strom optimal und es gab große Veränderung in der Wunde. Trotzdem erschrak ich immer wieder, denn sie wurde nicht kleiner, sondern immer größer und nahm schon fast die hälfte der Fußsohle ein.
Herr Weber erklärte mir aber, das müsste so sein, denn das abgestorbene Tumorgewebe könne bei mir nicht durch das Lymphsystem abgetragen werden, sondern über sehr viel Wundsekret ausgespült werden. Optisch wurde die Wunde immer schlimmer, es entstanden riesige Löcher, die so tief waren, dass ich meinen ganzen Daumen hineinlegen konnte, abgestorbene Gewebe- und Knorpelteile ragten schwarz aus der Wunde und sie war voller gelbem und stinkendem Wundsekret, das ohne Unterlass aus der Wunde strömte. Ich schämte mich unter Leute zu gehen. Nicht genug, dass ich mich nur mit Krücken fortbewegen konnte, nein, mein Fuß stank abartig.

Martina Kondritz empfahl mir, ab und zu meinen Fuß in lauwarmem Wasser zu baden und besorgte mir entsprechende Pflegemittel, die ich dem Wasser beigab. Der Gestank wurde dadurch wesentlich besser und der Fuß ansehnlicher. Doch dann passierte im Sommer etwas fürchterliches: beim Baden verfärbte sich auf einmal das Wasser blutrot. Ich erschrak dermaßen, hob den Fuß aus dem Wasser und sah das Blut wie aus einem Wasserhahn laufen. Völlig durchgedreht schrie ich nach meinen Eltern. Die waren ebenso erschrocken, reagierten aber gleich und legten mir einen Druckverband an.
Von diesem Tag an hatte ich jedes Mal fürchterliche Angst vor jedem Verbandwechsel ( normalerweise wechselte ich zwei Mal täglich ). Mein Vater rief gleich bei Herrn Weber an. Doch der konnte natürlich auch nicht telefonisch helfen, sondern beruhigt uns und erklärte, dass es schon mal vorkommen könne, dass ein Blutgefäß auslaufe. Das war wohl auch so gewesen, denn die Blutung hörte am gleichen Tag noch auf.
Aber ein paar Wochen später ( August 203 ) geschah das gleiche noch einmal bei einem Verbandswechsel. Diesmal lief das Blut nicht, sondern spritzte meterweit aus der Wunde. Mein ganzes Zimmer, Teppiche und Möbel waren mit Blut verspritzt. Und es kam noch schlimmer: die Blutung konnte trotz Druckverband nicht gestoppt werden. Es blieb und nicht anderes übrig, als in das nächste Krankenhaus zu fahren. Dort musste mein Vater zuerst mehrmals meine Geschichte (die vom Hämangiom ) erzählen und warten, bis sich jemand fand, der sich um mich kümmerte. Es war eine junge Ärztin, die dann meinte, wieso wir zu ihr gekommen und nicht nach Köln gefahren wären, wir wären ja schließlich dort in Behandlung.
Mein Vater musste sich sehr beherrschen und erinnerte die Ärztin an ihre Pflicht und an ihren Eid, bevor sie sich dann auf einmal wirklich gut und kompetent um mich kümmerte.
Ich wurde an Ort und Stelle unter Narkose operiert , das geplatzte Blutgefäß (bis heute ist mir nicht klar, ob es eine Vene, oder Arterie war) wurde vernäht und ich konnte am gleichen Tag wieder heim.
Mir ging es gleich wieder besser und ich hatte nun eigentlich auch keine Angst mehr vorm Verbandwechsel.

Bis jetzt hatte ich über zwei Jahre damit verbracht, die Tage am Computer oder vor dem Fernseher tot zu schlagen. Meine Eltern versuchten alles, um mir meine Langeweile zu nehmen. Mein Vater reaktivierte sein Angelzeug und ging mit mir zum Angeln und meine Mutter versuchte vergeblich mich vom Computer weg zu bekommen. Sie forderte mich immer wieder auf, doch mal ein Buch zu lesen, mich mal hinters Haus zu setzen, Klavier zu spielen, mein Zimmer zu putzen, oder die Spülmaschine auszuräumen.
Meine Kumpels kümmerten sich rührend um mich, kamen mich abholen, fuhren mit mir durch die Gegend, gingen mit mir in Kneipen und Discos und zeigten mir die anderen Seiten des Lebens.

Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte, eröffnete mir mein Vater, dass er mich auf einer Schule in Trier angemeldet hatte.
Ach, totaler Schock: „ich auf Krücken in die Schule gehen, ne, null Bock“ , schoss es mir gleich durch den Kopf. Aber mein Vater ist es aber gewohnt, seinen Willen durchzusetzen und schleppte mich eines Abend in diese Schule zu einer Schnupperstunde. Als diese Hemmschwelle eingerissen war, war doch ein leichtes Interesse bei mir geweckt. Also gehe ich nun seit 01. September in diese Höhere Berufsfachschule und absolviere dort eine schulische Berufsaus -bildung zum staatlich geprüften Medienassistenten und sehe langsam wieder ein wenig Licht an meinem düsteren Horizont.
Ich gehe wirklich gerne in diese Schule und ich denke, dass diese Ausbildung genau das ist, was ich in Zukunft beruflich tun will.

Trotzdem ereilte mich auch hier wieder ein Schicksalsschlag:
Natürlich wusste keiner meiner Klassenkameraden, wie es wirklich um mich steht. Sie sahen mich nur auf Krücken herumhumpelnd.
Aber eines Tages ( Oktober 2003 ) tropfte mir mitten im Unterricht
das Blut aus dem Verband. „Ach-du-mein-lieber-Gott“, dachte ich,
wurde gleich wieder panisch und verließ fluchtartig das Klassenzimmer. Draußen im Flur öffnete ich den Verband und sah gleich das Blut aus der Wunde spritzen. Gleich stand die halbe Klasse um mich herum und ich sah das Entsetzen in ihren Augen. Mehreren Mädchen wurde es schlecht, aber einer der Jungs, der irgendwann einmal einen Erste- Hilfe-Kurs gemacht hatte, wusste gleich, was zu tun war. Ich selbst war total fertig und konnte keinen Finger rühren, als er beherzt eine altes Bundeswehr-Verbandpäckchen nahm und mir einen Druckverband anlegte.
Danach rief er meinen Vater an und alarmierte einen Rettungswagen, der wenig später eintraf. Mein Vater kam auch gleich und ich wurde in Trier ins Mutterhaus gebracht. ...

Wieder erlebte ich das gleich Procedere, wie immer: tausendmal meine Geschichte erzählen, bis sich endlich mal jemand kümmerte.
Die Ärzte stellten gleich fest, dass sie nicht tun konnten, legten mir einen neuen Verband an und schickten mich nach Hause.
Gott-sei-dank verschloss sich die Wunde, und als wir wenige Tage später nach Köln kamen, stellte Herr Weber fest, dass lediglich eine alte Vene leergelaufen war.

Seit dieser Aktion ist nichts wesentliches mehr vorgefallen.

Wir alle könne beobachten, dass die Wunde sehr langsam, aber stetig kleiner wird. Sicherlich ist dies das Resultat der vielen Behandlungen. Ich hatte anfangs geglaubt, dass ich wohl zwei, drei dieser Strombehandlungen über mich ergehen lassen müsse und dass ich dann wieder ganz gesund sei. Herr Weber hat uns auch von einem jungen Mann erzählt, der ein solches Hämangiom am Hals gehabt hätte, das nach einigen Behandlungen völlig verschwunden sei, aber das hat bei mir leider nicht so funktioniert.

Mittlerweile habe ich bestimmt schon fast dreißig Behandlungen gehabt und es ist deutlich zu sehen, wie mein Fuß schmaler , die dunkle Verfärbung rosiger und die Wunde immer flacher und schmaler wird. Dies ist sicherlich das Resultat dieser speziellen Behandlung und ich bin mittlerweile fast sicher, dass ich wieder geheilt werden kann. Man muss mir verzeihen, aber ich habe mittlerweile schon so viel erlebt und durchgemacht, dass ein wenig Skepsis immer vorhanden sein wird und ich eine entsetzliche Angst vor diesen, immer wiederkehrenden, Rückschlägen habe.
Ich bitte, mir das nachzusehen. Eigentlich will ich nur endlich wieder gesund werden.

Diese Behandlung, das Kölner Team, meine Kumpels, die Schule und nicht zuletzt meine ganze Familie haben einen neuen Lebenswillen in mir geweckt ist und meinem ganzen Dasein einen neuen Sinn gegeben.
Nun will ich auch, wie schon viele meiner besten Kumpels, den Autoführerschein machen.
Herr Weber half uns auch hierbei weiter und schickte uns zu einem
Orthopädischen Schuhmachermeister, den er selbst als Zauberer bezeichnet.

Der Herr Comanns baute mir einen Schuh, in den ich erstens gut hinein komme, der sehr bequem ist, mit dem ich schon leicht auftreten und vor allem die Kupplung treten kann.
Wenn ich dann endlich einmal Auto fahren darf, werde ich noch ein stück selbständiger. Meine Eltern müssen mich nicht ständig von A nach B fahren und mittel in der Nacht irgendwohin abholen kommen. Vielleicht darf ich auch irgendwann einmal Motorrad fahren.

Ich bin mir trotzdem sicher, dass das alles nicht so schnell vorbei sein wird. Obwohl Herr Weber in letzter zeit immer wieder sagt, wir wären im „Endstadium“, wäre das einfach zu schön, um wahr zu sein. Sollte ich wirklich noch in diesem Jahr gesund werden, weiß ich noch nicht so genau, wie ich allen meinen Dank zeigen kann.

Aber warten wir es erst einmal ab. Sollte es länger dauern, werde ich auch das aushalten. Einfach nur irgendwann einmal wieder richtig auf zwei Füßen stehen und tun und lassen, was ich will.

Ist dieser Wunsch zu groß??

Kastel, im Januar 2004-01-25

Tobias Ganz
 


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 07. Juli 2004 16:34:29.